Aus „Big Data, Smart Data, next?“: Big Data und Ethik: Zur aktuellen Debatte und ihren Grenzen

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Astrid Ullwer, FZI Forschungszentrum für Informatik © FZI Forschungszentrum für Informatik

 

Von Astrid Ullwer.

Wenn wir über neue Technologien und ihre Auswirkungen auf unser Leben diskutieren, bestimmen bereits seit einigen Jahren vor allem Fragestellungen rund um die massenhafte Erhebung und Auswertung von Daten die Debatten. Das Phänomen Big Data verspricht einerseits Wirtschaft und Industrie optimierte oder sogar vollkommen neue Wertschöpfungsprozesse, beunruhigt  andererseits aber unter anderem Verbraucher- und Datenschutzorganisationen, indem es per se bisher als unverrückbar geltende ethische Standards in Frage stellt.

Betrachten wir Big Data für sich, so meinen wir in der Regel die drei fortlaufenden, sich gegenseitig bedingenden Entwicklungen wachsenden Datenvolumens, wachsender Geschwindigkeit der Datenerhebung, -übermittlung und -verarbeitung sowie wachsender Vielfalt an Informationen und Datenformaten. Ihren Ursprung haben diese drei Entwicklungspfade alle im Beginn der Digitalisierung oder besser digitalen  Transformation unserer Gesellschaft Ende des vergangenen Jahrhunderts. Längst hat sich seitdem herausgestellt, dass nicht die ständig wachsenden Datenmengen an sich, sondern unser Umgang mit ihnen, das heißt die neuen Möglichkeiten ihrer Verarbeitung und daraus folgend der Gewinn neuer Erkenntnisse in allen Lebensbereichen, Konflikte für den Einzelnen und die Einzelne und die Gesellschaft erzeugen. Nicht zuletzt deshalb ist Big Data als Schlagwort inzwischen etwas aus dem Fokus der aktuellen Debatte gerückt. Es hat sich zur etablierten Basistechnologie weiterentwickelt und bildet in dieser Form quasi die inhaltlich-technische Grundvoraussetzung für neue Schlagworte, die inzwischen den Diskurs dominieren, wie Data Mining, Internet of Things, und – allen voran – die Künstliche Intelligenz.

Das gesellschaftliche Verhältnis zu Privatheit und Öffentlichkeit hat sich längst verändert

Die Liste der aufführbaren Konflikte aus ethisch-moralischer Perspektive scheint endlos zu sein. Sie reichen von der Sorge vor Informations- und damit Machtasymmetrien über den bermeintlichen Abschied von Kausalität bis hin zu den bereits politisch spürbaren Folgen von Wirklichkeitsfragmentierungen oder Verhaltensmanipulationen. Auf der Mikroebene hallt in diesen Kontroversen im Kern vielfach die Frage, ob die Autonomie der individuellen Persönlichkeit bewahrbar bleibt und ein Recht auf Privatsphäre in einer digitalisierten Welt aufrechterhalten und durchgesetzt werden kann. Denn ob wir wollen oder nicht, unser Umgang mit digitalen Technologien hat längst unser gesellschaftliches Verhältnis zu Privatheit und Öffentlichkeit verändert. Der wachsende moralische Pragmatismus im Umgang selbst mit höchst schützenswerten persönlichen Daten, zum Beispiel im Gesundheitsbereich, lässt sich dabei sicherlich zum einen mit den nicht widerlegbaren Mehrwerten digitaler Dienste und Technologien begründen. Zum anderen stellt aber auch die Abstraktheit der beschriebenen Probleme eine wichtige Ursache für diese  Gewöhnungseffekte dar, denn für die meisten Menschen sind die Risiken von Big Data im Alltag einfach nicht spürbar.

Zudem prallen beim Ringen um eine kollektive Haltung gegenüber Big Data sehr heterogene ethische Maxime aufeinander, die nur schwer vereinbar scheinen. Utilitaristische Argumente etwa betonen vor allem Nutzen- und Effizienzüberlegungen und finden sich unter anderem im Silicon-Valley-Credo „try – fail – evaluate – try again“ wieder. Sie widersprechen aber in ihren theoretischen Grundannahmen darüber, was gutes und richtiges Handeln ist, der für Europa prägenden Logik der Aufklärung. Und doch lässt sich die Heterogenität dieser Wertvorstellungen auch überwinden. Die Europäische Datenschutzgrundverordnung ist ein prominentes Beispiel jüngeren Datums für den Gesetz gewordenen Kompromiss zwischen den divergierenden Interessengruppen.

Der Wandel ethischer Normen erzeugt Verantwortungen

Wichtig ist ein Verständnis aller dafür, dass die vielfach – auch von Wirtschaft und Industrie – geforderten notwendigen ethischen Standards im Umgang mit digitalen Technologien nicht kurzfristig durch einberufene Expertenkommissionen erarbeitet werden können und in der Folge für alle Zeiten gelten. Hier liegt gerade die Herausforderung: Ein ethischer Standard im Sinne eines die Gesellschaft leitenden Regulativs befindet sich in ständigem Wandel durch die Konfrontation neuer technischer, sozialer oder politischer Entwicklungen. Dieser Wandel erzeugt unterschiedliche Verantwortungen. Immer wieder angebracht in der Diskussion wird hier vor allem die individuelle Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger im Verständnis und im Umgang mit Big Data. Denn erst ein gewisser Kenntnisstand befähigt uns zur Mitsprache. Die digitale Emanzipation einer breiteren Mehrheit der Gesellschaft im Rahmen von Bildungs- und Aufklärungsmaßnahmen scheint von diesem Standpunkt aus betrachtet natürlich eine berechtigte Forderung. Letztlich tragen die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger jedoch die Verantwortung dafür, nicht nur Risiken und Gefahren in Bezug auf Big Data festzustellen, sondern sie auch im Sinne einer staatlichen Schutzpflicht gegenüber der Gesellschaft problemlösend in Form angemessener Steuerungsinstrumente zu adressieren.

Wie auch immer man sich in diesem Streit um notwendige Regulierungsmaßnahmen gegenüber digitalen Technologien positioniert, einig sind sich alle darüber, dass trotz aller Weiterentwicklung der Debatte im Laufe der vergangenen Jahre auch heute noch viele Fragen offen sind. Es bleibt deshalb wichtig, den öffentlichen Diskurs über Risiken sowie Mehrwerte fortzuführen und dabei alle betroffenen Akteursgruppen einzubeziehen. Nur so kann es langfristig gelingen, ethische Standards in solchem Sinne  weiterzuentwickeln, dass sie von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft getragen und gelebt werden.

Der gesamte Debattenband „Big Data, Smart Data, next?“ steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

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