Risikobereitschaft fördern und unterstützen

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Von Gabriele Hildmann, KAIROS GmbH.

Die Vorteile einer Open-Data-Strategie im öffentlichen Bereich sind hinreichend belegt12 und bei Berücksichtigung der datenschutzrechtlichen Anforderungen lassen sich Nachteile kaum erkennen.

Gründe für Open Corporate Data

Im privatwirtschaftlichen Bereich gestaltet sich das Thema der Entwicklung einer Open-Corporate-Data-Strategie durchaus schwieriger. Hier ergeben sich Konstellationen, in denen der gesamtwirtschaftliche Nutzen, der sich aus den Vorteilen für die Gemeinschaft ergibt, durchaus im Gegensatz zum individuellen Nutzen des einzelnen Unternehmens steht. Der daraus resultierende Interessenkonflikt wurde z. B. in spieltheoretischen Abhandlungen3 schon ausgiebig diskutiert. Ursachen für diesen Konflikt ergeben sich in der Praxis im Wesentlichen, weil Unternehmen die im Rahmen ihrer Geschäftsprozesse generierten Daten grundsätzlich selbst zur Verbesserung ihrer Prozesse und Produkte bzw. zur Entwicklung von innovativen Prozessen und Produkten nutzen könnten, dies aber aus verschiedenen Gründen aktuell nicht können. Gesamtwirtschaftlich unwirksam bleibt dies so lange, wie nicht außerhalb des Unternehmens Potenziale vorhanden sind, die es ermöglichen, die Daten nutzenstiftend zu verwenden.

Zur Beurteilung der Situation ist es sinnvoll, zunächst zu fragen, welche Defizite in den Unternehmen dafür verantwortlich sind, dass datenbasierte Wertschöpfung nicht möglich ist. Im Wesentlichen lassen sich fünf Gründe ausmachen:

  • fehlende Kompetenzen: Die zur Datenanalyse und zur Entwicklung von verbesserten oder innovativen Prozessen und Produkten notwendigen Kompetenzen sind im Unternehmen nicht vorhanden;
  • fehlende IT-Landschaft: Die IT-Systeme sind nicht auf den Zweck der Big-Data-Analyse ausgerichtet;
  • unzureichende Datenqualität: Die im Rahmen der Unternehmensprozesse anfallenden Daten(mengen) sind zu klein und/oder zu speziell, um als Basis für Verbesserungen oder Innovationen zu dienen;
  • mangelnde Finanzkraft: Die finanzielle Situation des Unternehmens steht der Entwicklung von Verbesserungen oder Innovationen entgegen;
  • fehlende Risikobereitschaft: Die Unternehmen sind nicht bereit oder fähig, die mit der Entwicklung der Verbesserungen bzw. Innovationen verbundenen Risiken einzugehen.

Diese Mangelsituationen sind kein Phänomen der digitalen Evolution, sondern systemimmanent. Aus diesem Grund haben sich über die vergangenen Jahrzehnte wirtschaftlich sinnvolle Formen der Kooperation entwickelt. Deren Vorteilhaftigkeit konnte nicht nur theoretisch4 aufgezeigt werden, sondern hat sich in unzähligen praktischen Kooperationen empirisch erwiesen.

Zentraler Aspekt für die Nutzung der Vorteile der unterschiedlichen Formen der Kooperation ist die Nutzung von Sozialkapital.5 Sozialkapital basiert im Wesentlichen auf dem Vertrauen der Handelnden untereinander. Vertrauen ist auf der Makroebene ein Kennzeichen von Sozialsystemen (also kulturell bedingt) und auf der Mikroebene das Ergebnis von konkreten Erfahrungen. In traditionellen Formen der Kooperation, die zwischen konkreten Personen/Unternehmen bestehen und zumindest mittelfristig angelegt sind, glauben die Mitglieder der Kooperation das Risiko, dass einzelne Mitglieder ein nichtkooperatives Verhalten an den Tag legen, relativ gut einschätzen zu können.

Open Data-Kooperationen fehlt es jedoch an den wesentlichen vertrauensbildenden Merkmalen:

  • Es ist ungewiss, wer die zur Verfügung gestellten Daten nutzen wird.
  • Es ist ungewiss, wie und für welchen Zweck die Daten genutzt werden.
  • Es ist ungewiss, ob eine längerfristige Beziehung zwischen Datenlieferant und Datennutzer entstehen wird.

Damit ist es für den Datenlieferanten nicht einschätzbar, ob der Datennutzer sich nicht (zum Schaden des Datenlieferanten) opportunistisch (d. h. individuell nutzenmaximierend) verhalten wird. Diese Ungewissheit führt dazu, dass potenzielle Datenlieferanten das Risiko und die Chancen einer Open-Data-Strategie kaum bewerten können und sich deshalb zwangsläufig gegen eine Veröffentlichung entscheiden.

Vertrauensbildende Maßnahmen und Kompetenzsteigerung als Schlüssel zur Risikoreduktion

Eine Strategie für Open Corporate Data birgt im Gegensatz zu vertrauten Formen der Kooperation zwei Formen von Risiken für den Datenlieferanten in sich:

  • Dritte nutzen die Daten für Prozessverbesserungen oder -innovationen, die zur Verschlechterung der Wettbewerbsposition des Datenlieferanten führen.
  • Dritte nutzen die Daten für Produktverbesserungen bzw. -innovationen (z. B. Substitutionsgüter), die die Wettbewerbsposition der eigenen Produkte verschlechtern.

Im Gegensatz zu klassischen Formen der Kooperation sind zudem die zu erwartenden Erträge wesentlich schwerer einschätzbar (siehe hierzu auch „Verfahren zur Wertermittlung von Datensätzen schaffen„). Der Datenlieferant kann darauf hoffen, dass seine Daten zur Entwicklung von komplementären Gütern führen, die den Nutzen seiner Güter erhöhen oder in neue Verwendungen integrieren. Das Gleiche gilt für mögliche Vorteile, die sich aus Prozessverbesserungen ergeben. Die finanzielle Beteiligung an mit Hilfe der Daten entwickelten Prozessen und Produkten stellt eine weitere potenzielle Einnahmequelle dar, während Imagevorteile aufgrund der Datenbereitstellung nur schwer zu quantifizieren sind, da dieser Effekt auch bei Beibehaltung der Nutzungsrechte erreicht werden kann.

Damit Unternehmen sich für eine Open-Corporate-Data-Strategie entscheiden, gilt es also seitens des Staates, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einerseits die bestehenden Defizite in den Unternehmen reduzieren und andererseits Vertrauen in eine Open-Corporate-Data-Strategie erzeugen. Das heißt im Einzelnen:

  • Es muss verstärkt über Chancen und Risiken von Open Corporate Data informiert werden.
  • Es müssen „Best Practice“-Beispiele für die Nutzung von Open Corporate Data zur Verfügung gestellt werden.
  • Es müssen Systeme (Plattformen) geschaffen werden, die das (inhaltliche) Potenzial von Firmendaten beispielhaft aufzeigen.
  • Die Kompetenzentwicklung in der Big-Data-Analyse und der Entwicklung einer Open-Corporate-Data-Strategie muss durch Weiterbildungsangebote verbessert werden.
  • Die Nutzung von öffentlichen oder privatwirtschaftlichen „Big-Data-Analyse-Plattformen“ ist finanziell zu fördern.
  • Es muss die Möglichkeit zur Bildung von „traditionellen“ Kooperationen auf Basis von Open Corporate Data geschaffen werden, etwa indem zunächst anonymisierte, ggf. historische Daten auf einer Open-Data-Plattform zur Verfügung gestellt werden.
  • Es müssen verbindliche Lizenzklassifizierungen entwickelt werden, die auch Beteiligungsregelungen für Erträge Dritter aus der Nutzung von Open Corporate Data beinhalten.
  • Es müssen Systeme geschaffen werden, um die Reputation der Nutzer von Open Data zu bewerten. Die Nutzung der zur Verfügung gestellten Daten kann dann an die Reputation eines Nutzers gekoppelt werden. Eventuell sind als erster Schritt geschlossene reputationsabhängige Open-Data-Plattformen einzurichten.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen, die verstärkt unter den beschriebenen Defiziten leiden, besseren Zugang und damit mehr Informationen zur Idee der Open Corporate Data bekommen müssen. Hier erscheint eine aktive Förderung besonders sinnvoll. Zu berücksichtigen ist auch, dass Manager Entscheidungen überwiegend auf der Grundlage von für sie verfügbaren Heuristiken treffen. Deshalb sind Aktivitäten zu fördern, die die Bildung von Heuristiken (also Erfahrungen) im Umgang mit Big Data und Open Corporate Data unterstützen. Dies und die Institutionalisierung eines vertrauensstiftenden Rahmens zum Austausch der Unternehmensdaten reduzieren das Risiko der Unternehmen und sind deshalb geeignet, gerade KMU die Vorteile von Open Corporate Data aufzuzeigen.

 

Dieser Beitrag stammt aus der Publikation „Open Data in Deutschland“ der Fachgruppe „Wirtschaftliche Potenziale und gesellschaftliche Akzeptanz“ der Smart-Data-Begleitforschung, die hier als kostenloser Download zur Verfügung steht.

„Es gilt also seitens des Staates, Rahmenbedingungen zu schaffen, die (...) Vertrauen in eine Open-Corporate-Data-Strategie erzeugen.“ - Gabriele Hildmann #OpenData #BigData https://bit.ly/2CRJEVq Klick um zu Tweeten

 


  1. Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Open Data Government Deutschland, Berlin Juni 2012.
  2.  Vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.): Open Data – The Benefits, St. Augustin 2016.
  3.  Vgl. etwa John von Neumann, Oscar Morgenstern: Theory of games and economic behavior, Princeton University Press, Princeton 2007.
  4. Vgl. Vera Margin, Holger Schunk, Oliver Heil, Oliver Fürst: Kooperation und Coopetition – Erklärungsperspektive der Spieltheorie, in: Joachim Zentes, Bernhard Swoboda, Dirk Morschett (Hrsg.): Kooperationen, Allianzen und Netzwerke, Gabler/Springer, Wiesbaden 2003, S. 122–142.
  5. James S. Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, Handlungen und Handlungssysteme, München 1991.
Kategorien:
  Allgemein, Begleitforschung, Datenanalyse

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