Aus „Big Data, Smart Data, next?“: Risiken und Alternativen in der Plattformökonomie

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Judith Junker; FZI Forschungszentrum Informatik, Begleitforschung Smart Data © FZI Forschungszentrum Informatik

 

Von Judith Junker.

In der klassischen Volkswirtschaftslehre bedarf es für die Erzeugung von Gütern drei Faktoren: Arbeit (Arbeitskraft), Kapital und Boden (Ressourcen). Im Zuge des rasanten technologischen Fortschritts der letzten Jahre haben sich nicht nur neue Geschäftsmodelle entwickelt, auch die Wertschöpfung entlang der klassischen Produktionsfaktoren hat sich novelliert. Daten haben sich als neuer Produktionsfaktor mit enormer Bedeutung etabliert, Tendenz steigend. Demgegenüber treten die klassischen Produktionsfaktoren zunehmend in den Hintergrund.

Insbesondere in der Plattformökonomie zeigt sich dieses Phänomen. Im Vergleich zu erfolgreichen Produktionsunternehmen, beispielsweise aus der Automobilbranche, benötigen Unternehmen der Plattformökonomie weder viel Arbeitskraft noch große Mengen physischer Infrastruktur oder Rohstoffe für ihre „Produktionsprozesse“. Plattformbetreibende arbeiten mit Daten, die u.a. durch die Nutzung von Apps auf den Endgeräten ihrer User entstehen, und monetarisieren diese. Gewinne werden in digitalen Geschäftsmodellen nicht mehr durch die Produktion von Gütern, sondern durch die Realisierung des Marktzugangs und das Zustandekommen des Geschäfts selbst – dem Austausch zwischen Angebot und Nachfrage – erzielt. Plattformbetreibende gelangen dabei an Informationen zur aktuellen Marktsituation, die sie zur Anpassung von Angebot und Nachfrage beziehungsweise für strategische Entscheidungen vorteilhaft nutzen können. Neu ist, dass Plattformbetreibende die Möglichkeit haben, beide Seiten des Marktes dynamisch anzupassen. Informationsasymmetrien verschieben sich zu ihren Gunsten und verringern somit das Marktversagensrisiko. Dieser Wissensvorsprung begünstigt und perfektioniert ein System zur Bildung von Monopolen oder anders gesagt: In der Plattformökonomie gilt das Prinzip „The winner takes it all“. Das Plattform-Unternehmen mit den meisten Nutzenden setzt sich auf Dauer durch und drängt kleinere Plattformbetreibende sowie selbstständige Unternehmen, die nicht Teil der Plattform sind, vom Markt.

Teilen die Plattformriesen die Werte und Normen unserer Gesellschaft?

Ein Teil des Angebots in der Plattformökonomie setzt sich aus Dienstleistungen Solo-Selbstständiger zusammen, wie am Beispiel von Plattformen zur Suche von Reinigungshilfen illustriert werden kann. Den Reinigungshilfen stehen keinerlei Vorteile von Arbeitnehmerschutzrechten, wie das Recht auf Urlaub, Mindestlohn oder Ruhepausen, zur Verfügung. Sie arbeiten im Niedriglohnsektor ohne Aufstiegsmöglichkeiten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund betitelt die Arbeitsbedingungen der Solo-Selbstständigen in solchen „digitalen Unternehmen“ als „moderne Sklaverei“1. Professionelle Reinigungsdienste mit festem Angestelltenstamm, die als eigenständige Unternehmen nicht auf der Plattform sind, können in der Folge vom Markt verdrängt werden, da sie nicht mit den dort angebotenen Preisen konkurrieren können. Plattformbetreibende sehen sich selbst nur als Vermittelnde, nicht als Arbeitgeber, und deshalb auch nicht als Verantwortliche für den Ausgleich dieser negativen externen Effekte. Somit lässt sich festhalten, dass diese wettbewerbsverzerrenden Effekte der Sharing Economy aus der erfolgreichen Umgehung festgesetzter Regularien wie Arbeitnehmerschutzrechten resultieren, denen „traditionelle“ Unternehmen aber weiterhin unterliegen. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, das aufzeigt, dass die digitalen Geschäftsmodelle der Plattformökonomie große Inkonsistenzen zu den etablierten rechtlichen Normen und Regelungen unserer sozialen Wirtschaftsordnung aufweisen.

Die jüngsten Facebook-Skandale, die Wohnraum-Verknappung durch professionelle Vermietung statt Sharing auf Airbnb sowie die 4,3 Milliarden schwere Kartellstrafe, die die Europäische Union gegen Google für den Missbrauch der Marktmacht verhangen hat, zeugen ebenso vom Konfliktpotenzial der Geschäftsmodelle der Plattformriesen mit den Werten unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung. Dennoch strebt die Bundesregierung danach, im internationalen Wettbewerb mit den USA und China den Anschluss an das Plattformengeschäft zu schaffen. Deutschland und Europa haben der Marktmacht von Google, Alibaba, Facebook oder Amazon aktuell kein Äquivalent entgegenzusetzen, und das soll sich schnellstmöglich ändern. Doch ist es dafür notwendig, ein deutsches (oder europäisches) Pendant zu Google und Co. zu etablieren? Sollte eine Gesellschaft, deren wirtschaftliches Rückgrat der Mittelstand ist und die eine Fülle an Marktteilnehmenden immer als Vorteil und Stärke betrachtet hat, nicht auf eine smarte Datenwirtschaft zusteuern, die diese Vielseitigkeit unterstützt? Ein System der Selbstständigen kann nicht die Lösung bieten, wenn dadurch Arbeitnehmerschutzrechte eingebüßt und kleinere und mittlere Unternehmen vom Markt verdrängt werden.

Genossenschaftliche Plattformen als Alternative

Hoffnung bieten Konzepte, die die positiven Eigenschaften der Plattformökonomie wie Vernetzung und Austausch aufgreifen und Negativeffekte sowie sozialstaatliche Aufgaben berücksichtigen. Eine Alternative stellen etwa genossenschaftliche Zusammenschlüsse Arbeitender auf Plattformen dar, oder anders genannt: Das Prinzip des Platform Cooperativism. In diesem digitalen Ökosystem liegt die Organisation und Governance der Plattform nicht in der Hand eines einzelnen Unternehmens, sondern wird kooperativ und genossenschaftlich von den Anbietern selbst übernommen. Im Zentrum dieser Idee stehen ein fairer Wettbewerb und die Schaffung nachhaltiger Kooperationen mithilfe der Plattformen. Dadurch wird es auch kleinen und mittleren Unternehmen möglich, eine größere Sichtbarkeit zu erlangen. Kooperative Plattformen eröffnen die Möglichkeit, im Verbund Mechanismen zu etablieren, die negative externe Effekte regulärer Plattformökonomien, etwa Monopolbildung, Marktverdrängung und Lohndumping, eindämmen. Dies könnte zudem helfen, ein System zu verhindern, in dem Unternehmen ihren Sitz ins steuergünstige Ausland verlagern. Diese Art genossenschaftlicher Plattformen bedarf ohne Frage eines viel größeren Aufwands und der Einbindung von Akteurinnen und Akteuren. Zudem ist auch staatliches Engagement, sowohl finanzieller als auch regulativer Natur, für eine nachhaltige Entwicklung dieser Kooperativen und der Wahrung sozialstaatlicher Aufgaben notwendig. Wir haben jedoch die Technik, die Mittel und den Anspruch, um eine bessere und breitere Partizipation zu ermöglichen. Diese sollten wir nutzen, um eine faire und soziale Alternative für die Zukunft der Arbeit zu etablieren.

 

Die Fachgruppe Sicherheit der Smart-Data-Begleitforschung hat sich im Zuge ihrer Arbeit eingehend mit Sicherheitsaspekten für plattformbasierte Geschäftsmodelle beschäftigt. Alle relevanten Eckpunkte, die es bei der Entwicklung einer datenverarbeitenden Plattform zu beachten gilt, hat die Fachgruppe in ihrem Onepager „Security-Eckpunkte für Plattformlösungen“ zusammengetragen und erläutert. Das Dokument steht hier zum Download bereit.

Der gesamte Debattenband „Big Data, Smart Data, next?“ steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

„Kooperative Plattformen eröffnen die Möglichkeit, Mechanismen zu etablieren, die negative externe Effekte regulärer #Plattformökonomien, etwa Marktverdrängung und Lohndumping, eindämmen.“ - Judith Junker https://bit.ly/2S6X7gr Klick um zu Tweeten
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  Allgemein, Begleitforschung, Big Data Debattenband, Datenanalyse

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