Aus „Big Data, Smart Data, next?“: Big Data und Gesellschaft – Jeder Dystopie kann eine Utopie entgegengesetzt werden

Von Smart Data Begleitforschung Vor 2 MonatenKeine Kommentare
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Joanna Schmölz, Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) © Wolfgang Borrs

 

Von Joanna Schmölz.

Aus Sicht des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) eröffnen sich im Rahmen von Big Data für die Gesellschaft sehr viele Chancen. Ganz simple, weil einleuchtende
Fälle sind jene im Gesundheitsbereich, bei denen Epidemien beispielsweise schneller erkannt werden können. Basierend auf der Sammlung und Analyse großer Datenmengen ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten und neue Wertschöpfungsmodelle mit enormem volkswirtschaftlichen Nutzen. Viele der so entstehenden Angebote nutzen wir im Alltag allzu gern. Smarte Armbänder  am Handgelenk zeigen längst nicht mehr nur die Uhrzeit an, sondern sorgen sich auch um unsere Fitness und Achtsamkeit. In unserem Wohnzimmer ziehen smarte Assistenten ein, die auf Kommando für uns das Kopfrechnen übernehmen, Toilettenpapier bestellen oder an den nächsten Termin erinnern. Und wer einmal die Vorzüge präziser Navigation und Reisezeitprognosen genossen hat, will sie so schnell nicht mehr missen. Einige der mannigfaltigen Möglichkeiten mögen Spielereien sein, viele aber erleichtern unser Leben in erheblichem Maße und werden so nach und nach unverzichtbarer Bestandteil des Alltags. Gleichzeitig scheint genau hierin auch ein Teil des Problems zu liegen: Die Dienste sind umso besser, je besser die Datenbasis ist, auf der sie beruhen. Und die Daten liefern in der Regel wir selbst – bewusst oder unbewusst, bereitwillig oder notgedrungen.

Von der Vorliebe für kostenlose Angebote

DIVSI gibt diverse Studien in Auftrag, mit denen der Zustand der vernetzten Gesellschaft und die Lebenswirklichkeit der Menschen in einer zunehmend digitalisierten Zeit gründlich vermessen werden. Jenseits von reinen Nutzungsstatistiken schauen wir darauf, welche Einstellungen und Wertvorstellungen dem Handeln der Menschen zugrunde liegen, was sie bewegt und was weniger und welche Motive und Barrieren ihr Verhalten im Netz steuern. In aufwändigen qualitativen Vorstudien, in denen wir die Menschen zuhause besuchen, lernen wir sie viel näher kennen als ein Fragebogen allein das je könnte. Nur so erhalten wir ein ganzheitliches Bild, mit dem dann schnell zu erklären ist, warum einigen die Sammlung und Verwertung ihrer eigenen – zum Teil sehr sensiblen, persönlichen Daten – überhaupt keine Sorgen bereitet, während dem andere äußerst skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Unseren Erhebungen nach hat beispielsweise lediglich jede fünfte Person eine Vorstellung davon, wo überall Daten über sie vorhanden sein könnten, obwohl nahezu allen bewusst ist, dass sie für kostenlose Dienste mit ihren Daten bezahlen. Gleichzeitig lehnen sie diese Art von Datensammlung ab – und nutzen dennoch mit Vorliebe ebensolche kostenlosen Angebote.

An die Menschen einzeln zu appellieren und Argumente vorzubringen, dass sie sich ja freiwillig zur Datenfreigabe entscheiden, greift angesichts dieses scheinbar paradoxen Verhaltens zu kurz. Aufklärung ist wichtig, wird allein aber nicht reichen. Zum einen ist es etwas vermessen zu sagen, jede einzelne Person müsse den vollen Umfang dessen erfassen, was sich im Hintergrund von digitalen Diensten vollzieht. Mehr noch ist aber das Moment der Freiwilligkeit in Zweifel zu ziehen. Denn je mehr die Dienste mit dem Leben der Menschen verwoben und nicht selten zur geradezu kritischen Infrastruktur des Alltags geworden sind, desto unverzichtbarer werden sie. Eine Entscheidung gegen die Nutzung wird dann zu einer rein theoretischen – nicht (nur) aus Bequemlichkeit, sondern vor allem unter dem Aspekt sozialer Teilhabe.

Wir brauchen eine Vision

Deswegen braucht es einen Dreiklang aus Aufklärung, politischem Diskurs und Verantwortungsbewusstsein der einzelnen Person sowie auf Unternehmensseite. Wir müssten jedoch darüber hinaus eine viel größere Debatte anstoßen und uns gesamtgesellschaftlich die Frage stellen: Wo wollen wir hin? Was für eine Gesellschaft wollen wir gestalten? Sind wir auf dem Weg in ein technokratisches Zeitalter, in dem nicht Politik, sondern Technik (aus dem Silicon Valley und dessen asiatischen Pendants) auf gesellschaftliche Probleme antwortet? Wollen wir das? Und was könnte das mit Sicht auf das Menschsein in Gänze bedeuten? Soll der aufgeklärte Mensch immer noch im Zentrum stehen, dann müssen wir viel grundlegender an die Architektur der vernetzten, digitalen Gesellschaft heran. Allen voran müssen wir Bildung auf das zurückführen, was sie eigentlich sein sollte: Die kritische Aneignung der Welt.

Hinsichtlich des Mythos der „German Angst“ haben wir in unseren Erhebungen übrigens ein gegensätzliches Stimmungsbild in der deutschen Bevölkerung erfassen können und einen ausgesprochenen Internet- und Digital-Optimismus festgestellt. Die Mehrheit sieht in der Digitalisierung eher Vorteile als Risiken – für sich selbst, aber auch für Deutschland. Gleichzeitig
machen sich in der Bevölkerung jedoch – wenngleich eher diffuse – Ängste oder Sorgen breit, dass bestimmte Folgen nicht abzuschätzen sind. Berichte über Roboter, die Jobs wegnehmen, diskriminierende Algorithmen, tödliche Unfälle durch selbstfahrende Autos und den massenhaften Missbrauch persönlicher Daten wirken sich eben auch nicht gerade vertrauensfördernd aus. In Bezug auf Big Data und Künstliche Intelligenz gilt es daher einmal mehr, den Menschen und seine Lebenswirklichkeit in den Blick zu nehmen. Sozialer Fortschritt muss Kern und Ziel von Innovation sein – nicht ein Versehen. Wir brauchen positive Narrative, um optimistische Bilder unserer Zukunft zeichnen zu können. Jeder Dystopie kann eine Utopie entgegengesetzt werden.

Der gesamte Debattenband „Big Data, Smart Data, next?“ steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

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  Allgemein, Begleitforschung, Big Data Debattenband, Datenanalyse, Gesellschaft

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