Aus „Big Data, Smart Data, next?“: Wie wird Big Data unsere Gesellschaft verändern?

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Armin Grunwald, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) © Wolfgang Borrs

Von Prof. Dr. Armin Grunwald.

Philosophinnen und Philosophen haben große Expertise im Fragenstellen. In Bezug auf die Leitfrage, wie Big Data unsere Gesellschaft verändern wird, scheinen mir folgende Aspekte des Themas und damit korrespondierende Fragen für die Debatte spannend:

Was passiert eigentlich, wenn wir im Rahmen von Big Data un-ser altes Wissensmodell, das stark auf Kausalität beruht, durch die Idee der Korrelation ersetzen? Die Stärke von Big Data beruht darauf, Korrelationen zu finden, die man mit weniger Daten und ohne effiziente Algorithmen nicht finden konnte. Korrelationen können aber erkenntnistheoretisch in die Irre führen. Bekannt ist sicherlich die Scheinkorrelation zwischen der Zahl der Kindergeburten und der Zahl der Storchenpaare. Zwar liegt hier eine Korrelation vor, jedoch kein kausaler Zusammenhang. Was passiert also mit unserer Gesellschaft, wenn wir uns beim Treffen weitreichender Entscheidungen auf Korrelation allein verlassen? Auf welche Risiken lassen wir uns ein?

Was geschieht mit jenen Feldern, in denen wir eine ungünstige Datenlage und geringe Datenmengen haben? Diese Problema-tik tritt beispielsweise in den Diskursen rund um Nachhaltigkeit zu Tage. Hinsichtlich ökologischer Daten und wirtschaftlicher Kennzahlen herrscht dort meist eine gute Datenlage. Sobald es aber um soziale und um Gerechtigkeitsfragen geht, sieht die Datenlage meist ganz erheblich schlechter aus. Das führt oft dazu, dass diese Bereiche in den Indikatorensätzen und Bewertungsprozessen unterbelichtet werden, weil es schlichtweg keine Daten gibt. Dadurch können hoch relevante Fragen unter den Tisch fallen. Welche Folgen entstehen in einer Gesellschaft, die sich stark auf Big Data verlässt, wenn wir in vielen Bereichen gute Datensätze haben und in anderen weniger oder gar keine? Schleicht sich gegebenenfalls eine unbewusste Prioritätensetzung ein, über die wir bisher gar nicht nachdenken?

Daten entstammen immer der Vergangenheit

Was ist insbesondere mit Themen, zu denen wir gar keine Da-ten haben? Es gibt einen Bereich in der Welt, der für uns alle und für gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse sehr wichtig ist, über den wir jedoch gar keine Daten haben: die Zukunft. Wir haben kein Messinstrument, mit dem wir Da-ten aus der Zukunft erzeugen könnten. Mit Hilfe von Big Data versuchen wir zwar, durch Methoden wie Predictive Compu-ting auf Basis von vorhandenen Daten etwas Zukünftiges zu erkennen. Das mag auch in gewissem Maße funktionieren. Wir dürfen aber das grundsätzliche Problem aller Daten nicht vergessen: Sie stammen aus der Vergangenheit. Das gilt auch für Big Data. Zu jedem Zeitpunkt beschreiben die Datensätze irgendetwas aus der Vergangenheit. Wenn wir nun der Zukunft mit Big Data zu Leibe rücken und der Zukunft damit einfach Da-tensätze und Korrelationen aus der Vergangenheit überstülpen, stellt sich die Frage, ob wir damit nicht ein Stück weit Zukunft verspielen oder gar abschaffen.

Betrachten wir beispielsweise den Bereich des privaten Kon-sums, wo uns durch Big Data dauernd Angebote gemacht werden, die Big-Data-Statistiken bis hin zu unserem persönlichen Profil entsprechen. Das mag wunderbar bequem sein, denn was diese Dienste uns anbieten, passt oft wirklich zu uns. All dies basiert jedoch auf den Daten aus unserer eigenen Vergan-genheit. Und wenn wir uns ausschließlich auf die Empfehlungen auf Basis solcher Daten einlassen, verspielen wir vielleicht das Neue, das Kreative, das Unerwartete – all das, was Zukunft sein kann. Es ist eben ein Unterschied, ob ich ein profilbasiertes Konsumverhalten an den Tag lege, das aus den Daten aus meiner Vergangenheit gespeist wird, oder ob mir beim Stöbern etwa in einer Buchhandlung zufällig etwas in die Hände fällt, was meinem bisherigen Profil gar nicht entspricht. Dann fange ich an Zukunft zu entdecken, mich weiterzuentwickeln, etwas Neues zu erleben. Das Sich-Verlassen auf Daten aus der Vergangenheit könnte also dazu führen, Zukunft abzuschaffen, Alternativen auszublenden, Optionen unsichtbar zu machen – und das zu Gunsten des Alten.

Verschieben der Verantwortung

Durch Big Data und die Anwendungsbereiche Künstlicher In-telligenz ergeben sich auch Macht- und Verantwortungsver-schiebungen. Teils ändern sich dramatisch die Verhältnisse, wer was beeinflussen kann. Das sehen wir am Beispiel der Ethik-Dilemmata des autonomen Fahrens. Hier übertragen wir die Entscheidungen über Leben und Tod von der fahrenden Person zwar keineswegs, wie in den Medien oft behauptet, an Algorithmen. Aber wir übertragen sie an Programmiererinnen und Programmierer, Managerinnen und Manager, – also an Menschen und Organisationen, die im Hintergrund stehen und die Einfluss darauf haben, wie und nach welchen Kriterien der Bordcomputer entscheidet.

Was im autonomen Auto noch relativ überschaubar klingen mag, kulminiert in den großen Datenfirmen. Hier sind in den letzten Jahrzehnten extreme Informationsasymmetrien ent-standen, die auch Macht- und Einflussgefälle darstellen und die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen. Hier besteht akuter Handlungsbedarf, um ernsthafte Gefahren durch die Nutzung von Big-Data-Technologien abzuwenden. Die Global Governance hat mit den Entwicklungen privater Konzerne nicht schrittgehalten. Staaten können oft nicht einmal auf ihrem Ho-heitsgebiet entsprechend regulieren und kontrollieren, da die Kontrolle in der Hand global operierender Konzerne liegt. Die aktuelle Facebook-Diskussion um Datenschutz und -kontrolle ist immerhin ein Anzeichen, dass sich etwas bewegt und kriti-sches Bewusstsein wächst. Auch die Tatsache, dass gerade in den USA mit ihrem Fokus auf Privatwirtschaft darüber diskutiert wird, die 5G-Technologie als staatliche Infrastruktur zu betreiben und sie nicht mehr länger der Privatwirtschaft zu überlassen, ist ein kleines Anzeichen, dass allmählich ein Umdenken einkehrt.

Was grundsätzlich Sorge bereiten muss, ist das Vorhandensein technischer Möglichkeiten für eine totalitäre Diktatur. Wir müssen noch viel stärker als in der Vergangenheit darauf achten, dass unsere Demokratie funktionsfähig bleibt. Noch nie waren die technischen Voraussetzungen für eine totalitäre Diktatur so günstig wie heute, und daran hat Big Data Anteil.
Wir müssen dafür sorgen, dass für den öffentlichen Bereich genug an Steuereinkommen bleibt, damit dieser seine Aufgaben bewerkstelligen kann, wenn in Zukunft ein größer werdender Teil der Wertschöpfung durch Maschinen erzeugt wird. Es ist deshalb durchaus vorstellbar, dass wir ernsthaft über Modelle wie Robotersteuer oder andere Ausprägungen einer Maschinensteuer diskutieren müssen.

Der gesamte Debattenband „Big Data, Smart Data, next?“ steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

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  Allgemein, Begleitforschung, Big Data Debattenband, Datenanalyse, Gesellschaft

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