Aus „Big Data, Smart Data, next?“: Wir müssen uns ethischen Fragestellungen widmen, die über den Datenschutz hinausgehen

Von Smart Data Begleitforschung Vor 1 MonatKeine Kommentare
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Marit Hansen, Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein © Wolfgang Borrs

Von Marit Hansen.

Die neue Europäische Datenschutz-Grundverordnung bietet viele Ansätze, um eine Harmonisierung von Datenschutz-bestimmungen innerhalb von Europa zu schaffen. Ohne die DS-GVO könnten wir dieses Ziel vermutlich nicht erreichen. Schon die EU-Datenschutzrichtlinie von 1995 hatte dieselbe Zielsetzung, dennoch hat sie in diesem Punkt versagt. Die DS-GVO bietet nun einen neuen Startpunkt. Wie erfolgreich sie sein wird und ob sie sich durchsetzen kann, werden wir in den nächsten Jahren sehen. Viele Bereiche müssen neu verhandelt werden. Allerdings bieten auch neuartige Ansätze wie „Data Protection by Design“, also der eingebaute Datenschutz, veränderte Bedingungen. Außerdem schreibt die DS-GVO datenschutzfreundliche Voreinstellungen ausnahmslos vor – dies scheint ein mächtiger Hebel, um einen stärkeren Datenschutz tatsächlich zu realisieren.

In den Smart-Data-Projekten ist der Datenschutz durchgehend thematisiert worden. Das zeigt, dass in Deutschland nicht nur das Problembewusstsein ausgeprägt ist, sondern auch Lösungen konkret diskutiert werden. Innovative Datenschutzlösungen haben erstmalig die Chance, zumindest am europäischen Markt kommerziell erfolgreich zu sein. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch Fragestellungen widmen, die über den Datenschutz hinausgehen. Was darf ich mit meinen Lösungen anstellen? Was wollen wir? Was wollen wir nicht? Es sind unzählige datenschutzkonforme Anwendungen möglich. Aber sind sie auch aus einer ethischen Perspektive akzeptabel?

Datenbasierte Entscheidungen dürfen nicht zu Diskriminierungen führen

Ein wichtiger Punkt im Umgang mit datenbasierten Anwen-dungen ist die Transparenz. Dabei geht es nicht immer darum, den Quellcode offenzulegen. Aber datenbasierte Entscheidun-gen müssen nachvollziehbar sein. Welche Daten fließen in die Analyse ein? Wie kommt das Ergebnis zustande? Insbesondere bei jeglichen Scoring-Anwendungen ist Transparenz essenziell, um Diskriminierungen vorzubeugen. Und darauf aufbauend müssen wir aus ethischer Perspektive diskutieren, wie wir mit solchen Anwendungen umgehen wollen. Neben dem Thema der Kreditwürdigkeitsbewertung gehören hier Anwendungen im Gesundheitswesen dazu: Heilen wir eine Krankheit eines Menschen, wenn seine Daten insgesamt nur eine kurze Lebensdauer voraussagen? Ermöglichen wir ihm die Berufsausbildung, wenn er später vielleicht nur zehn Jahre in dem Job verbringen kann? Dies sind Entscheidungen, die sich sehr stark auf ein Individuum auswirken. Und selbst wenn wir vollkommen korrekte Daten verwenden, sind es immer noch Prognoseentscheidungen, also unsichere Einschätzungen über die Zukunft. Niemand kann sicher sagen, wer wie lange leben wird, wer bestimmte Eigenschaften entwickeln wird oder wer straffällig werden wird. Hier ist es wichtig, zu diskutieren und Regelungen zu schaffen, um den richtigen Weg einzuschlagen.

Wir müssen uns außerdem überlegen, wie wir besonders ver-wundbare Gruppen unserer Gesellschaft in Zukunft schützen können. Ein erster Ansatzpunkt ist die Bildung. Wir müssen unsere Kinder und Jugendlichen selbstverständlich mit einer angemessenen Digitalkompetenz ausstatten. Der heutige In-formatikunterricht dreht sich darum, Anwendungen wie Word oder Excel zu erlernen. Ich denke, dass wir Programmieren an den Schulen lehren müssen. Dabei geht es nicht darum, eine Programmiersprache in Perfektion zu erlernen. Stattdessen sollen alle verstehen, wie das Prinzip der Datenverarbeitung funktioniert. Aufklärung und grundlegendes Verständnis sind für alle Altersgruppen erforderlich. Denn letztendlich liegt es in unserer jeweiligen Eigenverantwortung, wem oder welcher Anwendung wir unsere Daten zur Verfügung stellen. Besonders verwundbaren Gruppen ist aber vielleicht nicht klar, dass sie ihre Daten in bestimmten Fällen nicht zur Verfügung stellen sollten. Hier aufzuklären und zu schützen, liegt auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Mit dem Datenschutz ist es wie mit dem Passivrauchen – wenn eine Person meines Umfelds ihre Daten freigibt, gibt sie möglicherweise auch Informationen von mir heraus und schädigt mich damit.

Gesucht: Lösungen für den Schutz und die gezielte Nutzung von Daten

Ich bin davon überzeugt, dass wir internationale Regeln brauchen, die klar machen, was überhaupt verwendet werden darf. Außerdem müssen wir bestehende Angebote überdenken. Wir akzeptieren im Augenblick zum Beispiel die weitgehende Finanzierung des Internets durch Werbung. Es ist vorgezeichnet, dass auch in Zukunft vieles aus ökonomischem Interesse passieren wird.

Wir müssen überlegen, welche Lösungen funktionieren können. Wie kann man sich gegen die Macht von Plattformen schützen, die für unsere Gesellschaft zunehmend die Regeln bestimmen? Wie können dezentrale Ansätze helfen? Vielleicht kann ich für bestimmte Services zahlen, damit Daten nicht im Klartext zur Verfügung stehen – aber Datenschutz darf es nicht nur
für diejenigen geben, die dafür bezahlen. Datenschutz ist ein Grundrecht. Mitunter gibt es auch Dienste, an denen ich mich gerne beteiligen möchte. Vielleicht möchte ich meine Gesundheitsdaten für einen gemeinnützigen Zweck zur Verfügung stellen, fände aber gleichzeitig nicht gut, wenn sie für andere Stellen verfügbar gemacht und beispielsweise standardmäßig alle Tatortspuren mit meinen Informationen abgeglichen wür-den. Hier müssen wir Regelungen durchsetzen, dass solche Daten rein zweckgebunden und gezielt genutzt werden.

Alle Verantwortlichen der Datenökonomie, ob aus dem technischen Bereich, aus der Justiz oder aus der Politik, möchte ich die Aufforderung mitgeben, sich bewusst zu werden, welche Seiten- und Nebeneffekte auftreten können. Es reicht nicht, die eigene Metrik vor Augen zu haben und zu verfolgen. Wir brauchen einen interdisziplinären Diskurs, damit wir verstehen, wie andere denken und reden. Wir müssen verstehen, welche Herausforderungen andere Disziplinen sehen. Ein fachübergreifender Diskurs kann anstrengend und zeitintensiv sein. Aber er wird uns auch zu neuen Lösunsansätzen führen, und zwar zu solchen, die in der Praxis tatsächlich funktionieren können, weil sie das Problem aus allen Perspektiven betrachten.

Der gesamte Debattenband „Big Data, Smart Data, next?“ steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

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  Allgemein, Begleitforschung, Big Data Debattenband, Datenanalyse, Datenschutz, Gesellschaft

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